Einblicke in die Forschung

2020

Genetic Engineering. Its Applications and Limitations.

Die Diskussion über die Regulation von Gentechnologie reicht genausoweit zurück wie die Entwicklung dieser Methode selbst. Als es US-amerikanischen Wissenschaftler*innen Anfang der 70er Jahre gelang, replikationsfähige rekombinierte DNA von verschiedenen Spezies herzustellen, wurden aus der scientific community selbst Bedenken in Bezug auf die biologische Sicherheit des neu hergestellten biologischen Materials geäußert. Im Zusammenhang mit dem Problem der biologischen Sicherheit veröffentlichten die führenden Molekularbiologen im Juli 1974 den Aufruf zu einem Moratorium für die Forschung mit rekombinanter DNA, das bis zur viel rezipierten und zitierten Konferenz von Asilomar im Februar 1975 gelten sollte. Das vom Gottlieb Duttweiler Institut, einem think tank für wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Themen, der Schweizer Gesellschaft für Zell- und Molekularbiologie und dem Forum Davos veranstaltete Symposium „Genetic Engineering. Its Applications and Limitations“ fand schon vor Asilomar statt, nämlich im Oktober 1974. Hintergrund des Symposiums war eine unlängst erfolgte Kürzung der Forschungsgelder durch den Schweizer Gesetzgeber, der die Sensibilität von Wissenschaftler*innen gegenüber der Diskussion über öffentliche Kontrollen der Wissenschaft erhöht hatte. Die Sicherheitsdebatte in den USA war somit nicht der Anlass für die Veranstaltung, spielte aber aufgrund der Frage von Fremd- und Selbstregulation der Lebenswissenschaften eine entscheidende Rolle. Prominente Sprecher waren Paul Berg, Molekularbiologie und Initiator des Moratoriums, der Reproduktionsmediziner Robert Edwards, der die In-vitro-Fertilisation entwickelte, und Friedrich Vogel, ein Pionier der bundesdeutschen humangenetischen Beratung. Geprägt war das Symposium von einer Vielzahl an Themen und Positionen. Auffällig war die große Kluft zwischen Auffassungen der neuen Biotechnologien. Die einen plädierten für eine Neuorientierung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik, die anderen sahen die Freiheit der Forschung bedroht. Der bisher in der Wissenschaftsgeschichte nicht rezipierte Sammelband liefert neue Einsichten in die frühe Geschichte der Debatten um Gentechnologie, in der Diskursdynamiken noch nicht ausgebildet waren.
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2020

Die ungeklärten Gefahrenpotentiale der Gentechnologie

Im März 1986 trafen sich in Heidelberg internationale Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen aus der bundesdeutschen Politik, um auf einem dreitägigen Symposion außenwirksam über „Die ungeklärten Gefahrenpotentiale der Gentechnologie“ zu diskutieren. Laut Organisationsteam waren die Gefahren der Gentechnik in der öffentlichen Debatte in der Bundesrepublik Deutschland zugunsten der von Betreiber*innen und Befürworter*innen formulierten Nutzungsinteressen bewusst vernachlässigt worden. Ziel des Symposions war es deshalb, kritisch über die möglichen Anwendungsfolgen der Gentechnologie zu reflektieren und die Diskussion in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Die referierten Themen erstreckten sich von den Gefahren eines militärischen Einsatzes der Gentechnologie über unsachgemäße Freisetzungen bis hin zu Seuchenszenarien durch genmanipulierte Erreger. Auf der Veranstaltung wurden jedoch nicht nur ökologische und biologische Gefahrenpotentiale der Gentechnik diskutiert, sondern auch daraus resultierende ethische Fragen sowie die Legitimität möglicher Entscheidungsinstanzen und ihrer Argumente verhandelt. Gewissermaßen als positives sowie negatives Vorbild des Heidelberger Symposions fungierte die nach ihrem in Kalifornien gelegenen Veranstaltungsort benannte Asilomar-Konferenz von 1975. Dort hatten sich gut 150 der weltweit führenden Biowissenschaftler*innen zusammengefunden, um vor den Auswirkungen gentechnischer Manipulationen zu warnen. Einerseits gelang es den Wissenschaftler*innen damit, die zuvor lediglich in internen Kreisen geäußerten Zweifel in die Öffentlichkeit zu tragen, andererseits trug die Veranstaltung auch dazu bei, die Diskussion auf Fragen der Laborsicherheit zu verengen, die ab dato die amerikanische Debatte bestimmten. Dem sollte das Heidelberger Symposion entgegenwirken. Auch wenn der Begriff „Ethik“ im Tagungsband kaum auftauchte, forderten die Teilnehmer*innen doch ganz konkret die Einbringung von Wertmaßstäben und Naturvorstellungen in die Technikdiskussion.
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2020

Die medizinische Ethik und der Geist des Kapitalismus

Von der Ölpreiskrise des Jahre 1973 sowie den damit einhergehenden wirtschaftlichen und Haushaltsproblemen wurde der bis dahin expansive bundesrepublikanische Wohlfahrtsstaat nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Im Gesundheitssektor setzte die Wahrnehmung einer unkontrollierten „Kostenexplosion“ entsprechende Gegenmaßnahmen in Gang: So etwa das 1977 erlassene Kostendämpfungsgesetz und die aus Politik, Gewerkschaften, Pharmaindustrie, Versicherungen, Ärzte- und Krankenhausvertretern zusammengesetzte Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, die sich mit Fragen der Effizienz, der Verbesserung und Kontrolle der Krankenversorgung und ihrer Finanzierung auseinandersetzte. Im Zuge dieser Diskussionen um Leistung und Kosten des bundesrepublikanischen Gesundheitswesens kam 1979 die Frage einer humanen Krankenversorgung auf die Tagesordnung; parallel zur Konzertierten Aktion erörterte auch die Konferenz der Gesundheitsminister und Senatoren der Länder das Thema. Die Gesundheitsministerkonferenz verabschiedete ihre Entschließung „Mehr Humanität im Gesundheitswesen“ im März 1980, die Konzertierte Aktion ihre „Grundsätze zu Fragen einer humanen Krankenversorgung“ im November desselben Jahres. Beiden Stellungnahmen zur Gewährleistung einer humanen, bedarfs- und bedürfnisorientierten Krankenversorgung ist die Tendenz gemein, diese als systemische Herausforderung zu charakterisieren, die durch den technischen Fortschritt und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens weiter zugespitzt werde; allerdings teilten beide Institutionen ebenfalls die Einschätzung, dass das tiefergehende Problem nicht in der Gesundheitspolitik, den Kostendämpfungsmaßnahmen, der technisierten und rationalisierten Patientenversorgung, kurz: dem System zu finden und zu lösen sei. Vielmehr proklamierten die Gesundheitsminister der Länder, dass „das Gesundheitswesen nicht stellvertretend für negative Folgen veränderter zwischenmenschlicher Beziehungen verantwortlich gemacht werden“ und „auch nicht allein für seinen Bereich einem insgesamt vorhandenen humanitären Defizit wirksam abhelfen“ könne. In vergleichbarem Tenor stellte die Konzertierte Aktion fest, „daß ein Mehr an Humanität aber nicht gleichbedeutend ist mit einem größeren Einsatz an finanziellen Mitteln.“ Nicht das Gesundheitssystem müsse sich daher ändern, um die Forderung nach Humanität zu erfüllen, vielmehr die Einstellungen und Praktiken der im Gesundheitssystem Tätigen. Der Fokus der Problemanalyse und der entsprechenden Lösungsvorschläge verschob sich von den Strukturen zu den Personen. So wurde erstmals die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung „humanitärer Fähigkeiten“ im Medizinstudium und der heilberuflichen Ausbildung formuliert – eine Forderung, auf welche die Gesundheitsministerkonferenz sechs Jahre später zurückgriff und die in der erstmaligen Nennung von Ethik als humanmedizinischem Lehrziel in der Neufassung der ärztlichen Approbationsordnung von 1987 mündete.
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2020

Example Project 1

Wir freuen uns darauf, weitere Projekte und Quellen aus unserem Netzwerk hier vorzustellen!
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