Mathias Schütz , Dr.

Die medizinische Ethik und der Geist des Kapitalismus


Von der Ölpreiskrise des Jahre 1973 sowie den damit einhergehenden wirtschaftlichen und Haushaltsproblemen wurde der bis dahin expansive bundesrepublikanische Wohlfahrtsstaat nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Im Gesundheitssektor setzte die Wahrnehmung einer unkontrollierten „Kostenexplosion“ entsprechende Gegenmaßnahmen in Gang: So etwa das 1977 erlassene Kostendämpfungsgesetz und die aus Politik, Gewerkschaften, Pharmaindustrie, Versicherungen, Ärzte- und Krankenhausvertretern zusammengesetzte Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, die sich mit Fragen der Effizienz, der Verbesserung und Kontrolle der Krankenversorgung und ihrer Finanzierung auseinandersetzte.

Im Zuge dieser Diskussionen um Leistung und Kosten des bundesrepublikanischen Gesundheitswesens kam 1979 die Frage einer humanen Krankenversorgung auf die Tagesordnung; parallel zur Konzertierten Aktion erörterte auch die Konferenz der Gesundheitsminister und Senatoren der Länder das Thema. Die Gesundheitsministerkonferenz verabschiedete ihre Entschließung „Mehr Humanität im Gesundheitswesen“ im März 1980, die Konzertierte Aktion ihre „Grundsätze zu Fragen einer humanen Krankenversorgung“ im November desselben Jahres. Beiden Stellungnahmen zur Gewährleistung einer humanen, bedarfs- und bedürfnisorientierten Krankenversorgung ist die Tendenz gemein, diese als systemische Herausforderung zu charakterisieren, die durch den technischen Fortschritt und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens weiter zugespitzt werde; allerdings teilten beide Institutionen ebenfalls die Einschätzung, dass das tiefergehende Problem nicht in der Gesundheitspolitik, den Kostendämpfungsmaßnahmen, der technisierten und rationalisierten Patientenversorgung, kurz: dem System zu finden und zu lösen sei. Vielmehr proklamierten die Gesundheitsminister der Länder, dass „das Gesundheitswesen nicht stellvertretend für negative Folgen veränderter zwischenmenschlicher Beziehungen verantwortlich gemacht werden“ und „auch nicht allein für seinen Bereich einem insgesamt vorhandenen humanitären Defizit wirksam abhelfen“ könne. In vergleichbarem Tenor stellte die Konzertierte Aktion fest, „daß ein Mehr an Humanität aber nicht gleichbedeutend ist mit einem größeren Einsatz an finanziellen Mitteln.“ Nicht das Gesundheitssystem müsse sich daher ändern, um die Forderung nach Humanität zu erfüllen, vielmehr die Einstellungen und Praktiken der im Gesundheitssystem Tätigen. Der Fokus der Problemanalyse und der entsprechenden Lösungsvorschläge verschob sich von den Strukturen zu den Personen. So wurde erstmals die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung „humanitärer Fähigkeiten“ im Medizinstudium und der heilberuflichen Ausbildung formuliert – eine Forderung, auf welche die Gesundheitsministerkonferenz sechs Jahre später zurückgriff und die in der erstmaligen Nennung von Ethik als humanmedizinischem Lehrziel in der Neufassung der ärztlichen Approbationsordnung von 1987 mündete.